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Die Rheinpfalz 13.01.10
Demokratie in Grau

Die Ausstellung „Güncel Sanat" bei zeitraumexit in Mannheim zeigt Video- und Fotoarbeiten von fünf türkischen Künstlern

Von Heike Marx

„Güncel Sanat" heißt „aktuelle Kunst" und ist Titel einer Ausstellung türkischer Künstler bei Zeitraumexit in Mannheim. In Video, Fotografie und Performance werden vier kritische Positionen zu Politik und Gesellschaft in der Türkei gezeigt. Vier Frauen und ein Mann haben sie geschaffen, die alle um die 40 sind. Drei von ihnen leben in Istanbul, zwei in Berlin.

Am sanftesten ist der Mann: Genco Gülan, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Bühnenbildner, Regisseur, Video-, Internet- und Performance-Künstler, ein international erfolgreiches Allround-Talent. In seine Video-Arbeiten ist von allem etwas eingeflossen. „Shopping Water" ist trotz seines kritischen Untertons ein Film zum Träumen. Eine junge Frau im roten Kleid mit weißen Pünktchen kauft Mineralwasser im Supermarkt. Um sie herum steigt das Wasser. Sie schiebt ihren Einkaufswagen über die Pflastersteine einer versunkenen Stadt, verliert den Grund und muss schwimmen. Sie scheint sich dabei in ein Wasserwesen zu verwandeln, auf das von hoch oben das Licht der Sonne hernieder fällt. In der Arbeit „Scream" wird der Betrachter mit unterschiedlichen Menschen konfrontiert, die jeder auf seine Weise los schreien.

Schöne Bilder zeigt eine Installation mit Fotos von Neriman Polat. Sie sind grafisch ansprechend auf zwei rosa gestrichenen Wänden angeordnet, und rosasüß ist auch, was auf den Bildern zu sehen ist: Jungmädchenzimmer, die mit Kram und Kitsch kleinpusselig und sentimental voll gestopft sind. Orient und Okzident begegnen sich darin auf eine halb rührende, halb traurige Weise.

Die international erfolgreiche Künstlerin ist in der Kunstszene Istanbuls engagiert. Zusammen mit der Künstlerkollegin Evrensel Belgin hat sie die monumentale Fotografie „Lesson: Democracy" (Lektion: Demokratie) angefertigt. Von deren düsterem Schwarzgrau und der reduzierten Monotonie des Gegenstands fühlt sich der Betrachter schier erschlagen, und das soll er auch. Da sind vier identische kleine Mädchen im Schulkittel, an dem sogar der saubere weiße Kragen grau erscheint. Auf angehefteten Schildchen steht: „Nationalism" (Nationalismus), „Conservatism" (Konservativismus), „Socialism" (Sozialismus), „Liberalism" (Liberalismus). All dies ist identisch und wird Demokratie genannt, lautet die Botschaft. Auf der Tafel daneben sieht man am unteren Rand vier Dreiersets von Autopedalen und darüber schwarzes Nichts. Die Pedale bedeuten Wahl, Demonstration, Streik, aber die kleinen Mädchen besitzen jedes nur ein einziges Bein.

Funda Özgünaydin, die in Berlin und Irland lebt, hat sich selbst in ein Video hineinkopiert, das auf altem Fernsehmaterial beruht. Sie tanzt zum Gesang des türkischen Rockstars Cem Karaca, der wegen seiner politischen Texte emigrieren musste und zehn Jahre in Deutschland lebte.

Aufrührend war die Performance von Nezaket Ekici zur Ausstellungseröffnung, von der eine Dokumentation gezeigt wird. Eine gute Performance soll ohne Erklärungen verstehbar sein. „Fackel im Wind" war so eine. Wie eine Statue steht Ekici auf einem Podest. Auf der Wand hinter ihr sieht man zwei Videos: links türkische Kinder vor ihrer Schule, rechts den Kopf der Performerin. Sie gießt einen Eimer mit zäh fließender roter Farbe über sich aus. Über der Schule flattert die rote türkische Fahne, vor der Schule brüllen die Kinder die Nationalhymne und eingedrillte Parolen. In der Nahaufnahme sieht man den Farbbrei über Augen und Mund rinnen und die Künstlerin nach Luft schnappen. Dann presst sie als blutgetränkte Frau der Schmerzen in deutscher Sprache heraus, was die türkischen Kinder heruntergeleiert haben. Der Zuschauer leidet mit. Vier Eimer gießt sie so über sich aus. Nezaket Ekici ist in Deutschland aufgewachsen. Als sie erstmals den Appell erlebte, der an allen Schulen in der Türkei eisernes Gesetz ist, sei es für sie ein Schock gewesen, erläutert die Künstlerin. Sie habe das Ritual als körperliche Qual erlebt; das wolle sie ausdrücken.


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