Befeuern und Beflügeln
Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals
In Mannheim beschäftigt die Planung eines Zentrums für die Freie Szene seit längerem Künstler und Gremien. Konzeption und Konsens erfordern Positionen und Bedarfsermittlungen auf allen Seiten. In loser Reihe erfragen wir sie daher von Protagonisten der Kulturszene. Wir sprachen mit Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Tilo Schwarz, den Kuratoren des Kunsthauses Zeitraumexit im Jungbusch.
Würden Sie Ihr Festivalmotto von Wunder der Prärie "Das Unmögliche wagen" auch auf Ihre Position zu einem Produktionszentrum für die freie Darstellende Kunst anwenden?
Gabriele Oßwald: Es wäre ein gutes Motto für ein solches Zentrum. Das bisher Unmögliche hieße nämlich, dass sich Baden-Württemberg und die Region dann auch an die Kunst aus der Freien Szene in Deutschland und Europa andocken können. Aber natürlich mit einem hohen regionalen Anteil, denn auch die hiesige Freie Szene kann inhaltliche Impulse und Entwicklungen weitergeben. Natürlich nur, wenn man sich nicht zurücklehnt und sich selbst genug ist. Eine solche Haltung hielte ich für wirklich provinziell.
Resultiert sie nicht aus der Angst, dass sich eine gleichbleibende Zuschauermenge nur auf mehr Spielorte verteilen würde?
Wolfgang Sautermeister: Sicher, aber Ziel ist ja eine Erweiterung des Zuschauerkreises. Das braucht Zeit, wer wüsste das besser als wir? Und Neugier, Offenheit und Akzeptanz wachsen durch das Angebot, wirken nach einer Entwicklungszeit auch geschmacksbildend.
Sollte auch die Finanzierung wagemutig sein?
Tilo Schwarz: Natürlich muss man genau hinschauen, rechnen und planen. Aber Investition heißt immer: Kosten für die Zukunft. Und Ungewöhnliches tun bedeutet immer auch, in die Zukunft zu investieren. Im Südwesten gibt es keinerlei solcher Stätten. Es wäre eine Chance für Mannheim. Und im Hinblick auf die seitens des Landes geäußerten Absichten: Der Bedarf ist da, warum sollte es Mannheim nicht machen?
Worin liegen Ihrer Meinung die Chancen eines solchen Zentrums?
Oßwald: In der internationalen Szene der Performing Arts gibt es vieles, aber kaum interessante künstlerische Impulse aus Deutschland. Das liegt daran, dass es wenig Institutionen gibt, die so arbeiten oder solche Arbeiten zulassen oder gar fördern. Also hätte Mannheim auch die Gelegenheit Impulse für Deutschland zu senden.
Aber träte ein Zentrum solchen Zuschnitts nicht gerade zu Zeitraumexit in schärfste Konkurrenz?
Oßwald: Das mag durchaus sein. Und wir müssten vielleicht darauf reagieren und andere Schwerpunkte setzen, wer weiß? Es ist jedenfalls eine positive Herausforderung, die sowohl uns als auch die anderen Künstler wie auch das Publikum befeuern und beflügeln kann. Die Leute werden Geschmack daran finden, dass es noch etwas anderes gibt als das klassische Theaterabo.
Wie sollte ein solches Haus strukturiert sein?
Oßwald: Mannheim braucht bestimmt kein "neues Theater", aber eine Produktionstätte mit einer künstlerischen Leitung von außen, die zum Teil die lokale und regionale Szene zeigt, fördert und Produktionshilfe leistet. Damit meine ich aber mehr als Technik und Räume, nämlich inhaltliche Kriterien ...
Schwarz: ... ja, man muss Arbeitsansätzen Zeit und Raum bieten, dramaturgische und szenografische Betreuung ebenso wie Vernetzung und internationale Gastspieleinladungen. Wichtiger als ein Spielplan wäre die künstlerische Fortentwicklung, der Austausch und eine Freiheit in der Forschung.
Wo gibt es ein solches Zentrum?
Sautermeister: Man muss ein Modell starten, das Produktionszentrum müsste mehr Labor, aber keinesfalls eine reine Spielstätte sein. Auch die gerne zitierten Vorbildhäuser wie Kampnagel in Hamburg, Stuttgarter Theaterhaus oder der Frankfurter Mousonturm haben durchaus, wenn auch unterschiedliche, Probleme, ihr Haus voll zu bekommen. Schnell droht die Gefahr, zum Gemischtwarenladen zu werden. Die Frage heißt: "Welche Größe verträgt die Region?"
Schwarz: Man muss die Erfahrungen, Problemen und Erfolge der anderen Häuser aufgreifen und auswerten, das wäre eine einmalige Gelegenheit für etwas wirklich Neues. Ein Transfer mit der Brechstange, nach dem Motto "So etwas wie die wollen wir hier jetzt auch!", braucht niemand.
