Wüste Grenzerfahrung, die vielsagend wirkt

Schauspiel: Inka Neubert inszeniert "Dingos" im zeitraumexit

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Mannheimer Morgen

Sie geht fremd. Georg weiß das längst, und doch  macht er sich gemeinsam mit Carla auf, die Australische Wüste zu erkunden. Nicht der lebensfeindlichen Umgebung, sondern der Beziehung ist in Paul Brodowskys Stück „Dingos“ eine existenzielle Krise geschuldet. Auf der leeren Kubus-Bühne des Mannheimer Produktionszentrums zeitraumexit suchte Regisseurin Inka Neubert nun die Allgemeingültigkeit des dramatisierten Fallbeispiels. Kaum ist der Geländewagen bestiegen, kriselt es zwischen dem ungleichen Paar. Von Eifersucht zerfressen, mangelt es Georg (Jo Schmitt) bald an Motivation, seine zerrüttete Beziehung zu kitten. Er wählt die Wüste für den Showdown – ein trostloser Ort für einen untröstlichen Lebenspartner. Carla (Fiona Metscher) hingegen verkennt in ihrer Einfältigkeit lange die Brisanz der Situation. Sie leugnet, was ohnehin schon bekannt. Erst als Treibstoff und Wasser irgendwo zwischen den kargen Dünen verloren sind und der Gehörnte allmählich einem dehydrationsbedingten Realitätsverlust verfällt, fällt der Groschen: Eine Paartherapie sieht anders aus. Dabei unterbrechen die Mimen immer wieder ihr engagiertes Spiel und wenden sich direkt ans Publikum. Eifersucht, Rache oder Verführung: Im Stückverlauf vorherrschende Emotionen bilden reichlich Raum zum freien Assoziieren und Reflektieren – und eine große Schnittmenge mit dem geneigten Betrachter. Das sollte dem Abend ebenso zugute kommen wie die live auf der Bühne aufgenommenen, von einem rollfähigen Wagen aus projizierten Nahaufnahmen der Darsteller (Video: Norbert Kaiser). Im Einklang mit den Dialogen gelingt so gleichsam schonungslos eine zusätzliche, eine visuelle Annäherung. Gerade diese Erzählsituation treibt Neuberts dichte wie temporeiche Inszenierung  unaufhörlich voran. Und auch wenn der Abend später merklich an Schwung verliert, wiegt sein Ende dennoch schwer: Von der naiv-verspielten Liebe ist keine Spur mehr. Dem Gefühlstaumel steht nur noch der Tod als ultimative Linderung verlockend gegenüber. Dennis Baranski